Ästhetik

Der schöne Ort
In einem Bergdorf auf größerer Höhe, steht ein altes Bauerhaus am Rande des Ortes. Von einem steilen Hang aus, der geradezu sportliche Leistung zu dessen Erreichen erfordert, überblickt es den darunter gelegenen Ort und eröffnet eine Aussicht auf die jenseits gelegenen imposanten Berge.
Man glaubt die großen Mühen zu erahnen, die es wohl gekostet haben muss, dieses Gebäude in einem derart schwierigen Gelände zu errichten. Das Haus selbst scheint, diese Anstrengung noch heute greifbar zu machen durch das Sich-Gegen-den-Hang-Stemmen der unregelmäßigen, weißen Erdgeschossmauern. Auch erzählt der leicht eingedrückte Giebel von großen Schneemengen, die das Haus über die Jahrzehnte hinweg getragen hat.

Auf der Giebelseite dem Hang und dem wundervollen Ausblick auf die Bergwelt zugewandt trägt das Haus durch einen ebenso großen Dachüberstand geschützt einen länglichen Balkon, der gerade tief genug ist für ein Paar Liegestühle. Von diesem Balkon aus kann der Gast nach einem anstrengenden Skitag im Frühling die Abendsonne und den Ausblick genießen. Das Lärchenholz der Rückwand, des Bodens und der Brüstung ist von der intensiven Sonneneinstrahlung fast schwarz geworden und gibt dem Gast durch seine umschließende Form und abgestrahlte Wärme ein Gefühl der Geborgenheit. Ein besonderer, harziger Duft wird immer noch von dem Holz verströmt. Die durch die Jahre stark und rau hervorgetreten Maserung des Holzes richten die Aufmerksamkeit auf die Komplexität und Schönheit alltäglicher Dinge.

Auch wenn sicher viele andere Dinge einen starken Einfluss auf die Stimmung eines jeden Besuchers haben mögen, so lässt dieser Ort doch ein Glück erahnen zu dem die Architektur ihren entscheidenden Beitrag geleistet hat.

Gestaltung der Situation
Geht man in Gedanken zurück zu den Orten, an denen eine so dichte Atmosphäre bestand, so fragt man sich als Architekt natürlich, woher dieser Eindruck kommt. Setzt man dann das Bild aus der Erinnerung zusammen oder lässt im gedanklichen Versuch einige Eigenschaften des Ortes weg, so wird einem bewusst, welche wichtige Rolle Lichtsituation, Materialien und Farben spielen ebenso wie die Geometrie des Raumes und sogar die Details der Möbel. Auf dieselbe Weise wie hier aus der Erinnerung eine Situation rekonstruiert werden kann, versuchen wir unsere Gebäude zu gestalten sozusagen aus der Szene heraus, nicht aus der schematischen Organisation eines Grundrisses. Ziel und Ausgangspunkt ist die Atmosphäre und Ausstrahlung des Gebäudes. Ähnlich einer Szene in einem Film versuchen wir zuerst zu fassen, welche Stimmung wir hervorrufen wollen. Vielleicht stellen wir uns hierzu einfach einige handelnde Personen vor ihre Kleidung und die Art ihres Gespräches, wie das Licht um sie beschaffen ist und welche Materialien sie umgeben. Gleiches gilt für die Wirkung des Gebäudeäußeren. Die Wirkung entsteht also in der Perspektive, aus dem Blickwinkel des Betrachters, nicht im Grundriss oder einer anderen schematischen Projektion. Die Planzeichnungen sind später Mittel zum Zweck und werden daher aus der Perspektive gedacht und entwickelt. Ausgangspunkt ist somit die Wahrnehmung durch den Betrachter.